Die heimliche Raketenmacht

Teil 1 : Deutsche Beiträge zur Entwicklung und Ausbreitung der Raketentechnik bis 1945

 

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 Von links nach rechts: Dr. Ernst Stuhlinger, Major General Holger Toftoy, Professor Herman Oberth, Dr. Wernher von Braun, Dr. Robert Lusser

Photo by NASA

 

Deutsche Raketenentwicklung bis 1945

Es gibt in Deutschland eine nunmehr 60-jährige Tradition der Raketenentwicklung, die mit dem Ersten Weltkrieg begann und im Zweiten Weltkrieg mit dem Einsatz der Raketen V1 und V2 ihren bisherigen »Höhepunkt« erreichte. Zwar wurden über Jahrhunderte hinweg im Krieg Artillerie-Raketen auf Städte und Truppenverbände abgefeuert, doch waren diese nur von kurzer Reichweite, geringer Sprengkraft, ohne eigene Lenkung und wegen ihres pulverförmigen Sprengstoffs nur schwer zu kontrollieren. Die grundlegenden theoretischen Ideen der Raketentechnik und Weltraumfahrt wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts von den sogenannten »Vätern der Raumfahrt« gelegt: dem Russen Konstantin Ziolkowski, dem Deutschen Hermann Oberth und dem US-Amerikaner Robert Goddard. Durch ihre Arbeiten waren die wesentlichen theoretischen und technischen Kenntnisse der Raketenentwicklung bereits in den zwanziger Jahren bekannt.

  

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  Von links nach rechts: R. Nebel, Dr. Ritter, Mr. Baermueller, Kurt Heinish, Herman Oberth, Klaus Riedel, Wernher von Braun, und eine nicht bekannte Person um 1930.

Photo by NASA  

 

Im Gefolge des Ersten Weltkrieges ergab sich ein wachsendes öffentliches Interesse an der Raumschiffahrt, was sich in Filmen (Fritz Langs »Frau im Mond«) und (Science-Fiction-)Literatur niederschlug. In mehreren Ländern wurden Weltraumgesellschaften gegründet: »Verein für Raumschiffahrt« (VfR) in Deutschland (1927 von Johannes Winkler gegründet), die sowjetische »Arbeitsgruppe zur Erforschung von Raketenantrieben« (GIRD) (1929 u.a. von Sergej Koroljow gegründet), die American Rocket Society (1930) und die British Interplanetary Society (1933). Weitere Gruppen bildeten sich in den dreißiger Jahren in Argentinien, Holland, Frankreich und Japan.

Die besondere Situation Deutschlands ermöglichte eine rasche Verbindung von Theorie und Praxis mit dem Militär, verkörpert in den drei Koryphäen der deutschen Raketenentwicklung, Hermann Oberth, Wernher von Braun und Walter Dornberger. Oberth hatte 1923 in seinem Buch »Die Rakete zu den Planetenräumen« das theoretische Konzept beschrieben, die Studenten Eugen Sänger und Helmut von Zborowski diskutierten die technischen Möglichkeiten von Raketenmotoren. Der durch Oberth's Buch inspirierte Wernher von Braun, der bei Beginn der Raketenversuche 1929 erst 17 Jahre alt war, verband technische Kenntnisse mit jugendlicher Initiative und Führungsfähigkeit und profilierte sich damit als Leiter des Raketenteams. Der damalige Hauptmann Dornberger brachte Organisationskraft und amtliche Unterstützung mit. Die war auch nötig, denn die bis 1932 noch privat betriebenen Versuche mußten aus finanziellen und Sicherheitsgründen eingestellt werden. Auf der Suche nach Bündnispartnern bot sich das Heereswaffenamt an, das seinerseits einen Ausweg aus den Waffenverboten des Versailler Vertrages suchte. Da kamen die idealistischen Raketenforscher gerade recht, die nach eigenen Aussagen ihr Gewissen mit dem Argument zu erleichtern suchten, ihr Pakt mit dem Militär diene letztlich der »friedlichen Eroberung des Weltraums«. Statt für eine Mondrakete arbeiteten sie jedoch für ein Ferngeschütz. Nur wenige wie der ehemalige Kriegsflieger Rudolf Nebel lehnten ab, um die »Freiheit der Forschung« nicht durch das Militär zu gefährden.

 

Der Weg zur V2

Die technische Entwicklung ging, trotz anfänglicher Schwierigkeiten und Rücksschläge, ungewöhnlich rasch voran. Nach der „Minimum-Rakete “ (Mirak) erreichte das Nachfolgemodell »Repulsor« im August 1931 auf dem Raketenflugplatz Berlin-Reinickendorf eine Höhe von mehr als 1500 Metern. Ab Oktober 1932 wurden auf dem Heeresschießplatz Kummersdorf südlich von Berlin Versuche mit dem »Aggregat 1« (A1) durchgeführt, das jedoch beim Start versagte. Ende Dezember 1934 erreichte das Nachfolgemodell A2 auf Borkum eine Gipfelhöhe von 2,2 km, wobei die Fluglage durch einen Kreisel in der Mitte der Rakete stabilisiert wurde. Nach dem bis 1937 erfolgten Umzug zur Heeresversuchsanstalt Peenemünde (HVP) konnte das nunmehr 50 Mann starke Team Versuche mit der von Walter Riedel, Arthur Rudolph und von Braun projektierten A3 durchführen, die einen Schub von 1,5 Tonnen entwickelte.

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                                                            Wernher von Braun

                                                            mit einem Modell der V2 Rakete

                                                            Photo by NASA

                                                           

 

                                                           

 

 

 

 

Die 1936 entworfene A4 (die spätere V2) war das Grundmodell aller weiteren ballistischen Fernraketen: sie war 14 m lang, mehr als 13 Tonnen schwer, erbrachte 25 Tonnen Schubkraft, hatte eine Brenndauer von 65 Sekunden, eine Reichweite von etwa 300 km und trug 1000 kg Sprengstoff. Kursänderungen während des Fluges konnten durch Funkbefehle vorgenommen werden. Um Erfahrungen zu sammeln, v.a. mit der bis dahin noch unerreichten Überschall-Geschwindigkeit, wurden bis 1942 mit dem Testgerät A5 Versuche durchgeführt. Das Programm verzögerte sich, da Hitler nach Kriegsbeginn die Mittel für die Raketenentwicklung drastisch kürzte, im Glauben an einen raschen Sieg. Eine Rolle spielte auch die Konkurrenz zu der weit billigeren V1, einem unbemannten, ferngelenkten Düsenflugzeug und Vorläufer der heutigen Marschflugkörper (Cruise Missiles). Reibungen mit der SS, die den Wissenschaftlern ihre Weltraum-Ambitionen angeblich übel nahm, führten 1943 sogar vorübergehend zur Verhaftung von Klaus Riedel, Helmut Gröttrup und Wernher von Braun.

Nachdem der »Blitzkrieg« Deutschlands ins Stocken geraten war und empfindliche Niederlagen eingesteckt werden mußten (Luftschlacht um England, Niederlage bei Stalingrad), glaubte Hitler mit »Wunderwaffen« das Blatt noch wenden zu können. Im Dezember 1942 wurde die Serienfertigung der »Vergeltungswaffe« V2 eingeleitet, im Juli 1943 das A4-Raketenprogramm an die Spitze der Dringlichkeitsstufe im deutschen Rüstungsprogramm gesetzt. Die technische Qualifikation hatte die A4 bereits am 3. Oktober 1942 bewiesen: die Rakete erreichte bei vierfacher Schallgeschwindigkeit eine Gipfelhöhe von 85 km und berührte damit erstmals den Weltraum.

Zahlreiche Fehlschläge und Unfälle konnten die Entwicklung ebensowenig aufhalten wie das massive Bombardement der Alliierten am 17./18. August 1943, das jedoch zu Verzögerungen führte. Die Produktion wurde in das unterirdische »Mittelwerk« bei Nordhausen im Harz verlagert und dort im Mai 1944 fortgesetzt. Um die komplizierte A4 mit ihren 20.000 Einzelteilen auf Fließband produzieren zu können, mußte eine Vereinfachung durchgeführt werden. Allein für die Produktionsreife des A4-Triebwerks wurden über 60.000 Änderungen vorgenommen. Pro Tag konnten 10 bis 20 Raketen hergestellt werden. Für jede der etwa 7.000 im Krieg produzierten A4 wurden zwischen 17.000 (Anfangskosten) und 3.500 (ab 5000 A4) Mensch-Arbeitsstunden aufgebracht, was einem Durchschnittspreis von 56,000 Reichsmark entsprach. Zwar kostete die A4 nur etwa ein Drittel eines Jagdflugzeugs, doch immer noch mehr als das Zehnfache der V1. Während für die Entwicklung der V1 etwa 200 Millionen Reichsmark benötigt wurden, mußten für die Entwicklung der V2 schon 2 Milliarden Reichsmark aufgebracht werden, ein deutsches Manhattan-Projekt.

Zeitweise waren 18000 Beschäftigte an der Herstellung der V1 und V2 beteiligt, darunter 5 000 Wissenschaftler. Mindestens 20.000 Sklavenarbeiter gingen unter den grauenhaften Bedingungen im Mittelwerk oder im nahegelegenen Konzentrationslager »Dora« zugrunde. Auch aus anderen Konzentrationslagern wurden Zwangsarbeiter eingesetzt. Eine Reihe deutscher Firmen war in die Produktion einbezogen: ARGUS (Berlin), BMW (München) in Zusammenarbeit mit BBC (Basel), Junkers (Dessau), Heinkel (Berlin), Fieseler (Kassel), Daimler Benz (Stuttgart), Walter (Kiel), Siemens-Askania (Berlin), Rheinmetall-Borsig (Berlin), Henschel (Berlin, Kassel), VW-Werk (Wolfsburg), Blohm und Voss (Hamburg), Elektromechanische Werke (Karlshagen), Ruhrstahl AG (Essen).

Die V2 konnte von festen Abschußbunkern ebenso abgeschossen werden wie von mobilen Abschußrampen. Nach monatelangen Bombardements durch die V1 wurde im September 1944 mit dem Abschuß der V2 auf England, Frankreich und Belgien von deutschem und niederländischem Boden begonnen, besonders London und Antwerpen waren bevorzugte Ziele. Die Wirkung der Raketenbombardements war verheerend, wenn auch nicht so stark, wie bei den Bombardements der Alliierten. Bei statischen Versuchen hatte der Sprengsatz der A4 einen Krater von 7 m Tiefe und einem Durchmesser von 13 m gerissen. Sehr stark war der psychologische Effekt auf die Bevölkerung, die den Raketenangriffen schutzlos und unvorbereitet ausgeliefert war. Bald verging kein Tag ohne Beschuß, im Dezember wurden im Mittel 14 Raketen pro Tag abgefeuert, manchmal 29 bis 33. Insgesamt wurden rund 25.000 V1 und V2 eingesetzt, von denen etwa ein Zehntel fehlschlug. Dadurch wurden fast 13.000 Menschen getötet, mehr als 26.000 Menschen verletzt, 35.000 Häuser zerstört und mehr als 200.000 Häuser beschädigt.

 

Wunderwaffen

Die V2 wie auch die V1 konnten jedoch das Blatt in den letzten Kriegsmonaten nicht mehr wenden. Das gleiche gilt für die zahlreichen weiteren »Wunderwaffen«, die der Phantasie deutscher Raketenbauer entsprangen.

 

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 Fernrakete Aggregat 4 ( später V2 ) 

Photo by NASA


So wurde die A5-Rakete mit Flügeln versehen, um durch Streckung der Flugbahn die Reichweite bis auf 750 km zu steigern (Modelle A7 und A9, später A4b). Bereits im Sommer 1940 lag der erste Planungsentwurf einer zweistufigen Interkontinentalrakete (A9/A10) vor, bei der mehrere A4-Triebwerke gebündelt waren. Bei einer angestrebten Gipfelhöhe von 350 km und einer Reichweite von mehr als 5000 km sollte Amerika in 35 Minuten von der Atlantikküste erreicht werden. Eugen Sänger, der Erfinder des Staustrahl-Rohrs für die V1, und Irene Bredt (seine spätere Frau) konzipierten in der Flugzeugprüfstelle Trauen

den Interkontinentalbomber, ein flugzeugähnliches Gefährt von 30 m Länge, das auf einer Teilflugbahn durch den Weltraum eine große Bombenlast von 3,8 Tonnen von Europa aus auf eine Großstadt der USA werfen sollte, um danach auf der Lufthülle der Erde entlangschlitternd ins Landegebiet zu fliegen. 1944 wurde die Idee umgearbeitet zum Projekt eines luftatmenden, hypersonischen Raumgleiters. Sogar an Nuklearantriebe für Raketen wurde bereits 1942 gedacht.

Um den zunehmenden Luftangriffen der Alliierten zu begegnen, wurde eine radargelenkte und computergesteuerte Luftabwehrrakete mit der Bezeichnung WASSERFALL konzipiert, die mit einem 90-kg Gefechtskopf ein schnell fliegendes Flugzeug bis in 20 km Höhe treffen sollte. Trotz technischer Probleme bei hohen Beschleunigungen konnte die erste WASSERFALL-Rakete noch im Februar 1945 getestet werden. Eine weit einfachere und billigere, nur 9 kg schwere Flugabwehrrakete mit der Bezeichnung TAIFUN wurde in einer Stückzahl von Zehntausend beschafft, kam jedoch nicht mehr zum Einsatz. Weitere Raketenprojekte bekamen so wohl klingende Namen wie SCHMETTERLING, ENZIAN, RHEINTOCHTER und ROTKÄPPCHEN (Benecke (1987)).

Angesichts der immer knapper werdenden Ressourcen, der Zerstörung durch Bombenangriffe und der geringen zur Verfügung stehenden Zeit konnten diese und weitere Projekte während des Krieges nicht vollendet werden. Erst im Wettrüsten des Kalten Krieges war der ideale Nährboden für die Fortführung gegeben. Denn nach dem Krieg wurden die deutschen Raketenwissenschaftler kurzerhand von den Alliierten entführt bzw. gingen freiwillig. Profitieren konnten von diesem Wissensschub viele Länder, darunter die USA, die UdSSR, Frankreich, Großbritannien, aber auch Staaten der Dritten Welt wie Indien, Argentinien und Ägypten. Die Zeit der internationalen Raketenproliferation hatte begonnen.

 

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Dossier Nr. 8 der Informationsstelle für Wissenschaft und Frieden von Dr. Jürgen Scheffran.

Dr. Jürgen Scheffran, Physiker, arbeitet in der interdisziplinären Arbeitsgruppe Naturwissenschaft, Technik und Sicherheitspolitik (IANUS) zu Raketenproliferation und Risiken der Rüstungstechnik.

Den ganzen Text gibt es hier :

http://www.uni-muenster.de/PeaCon/wuf/wf-91/9111201m.htm


 

 
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