Die heimliche Raketenmacht (2)

Teil 2 : Deutsche Raketenentwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Krieg wurden die deutschen Raketenwissenschaftler kurzerhand von den Alliierten entführt bzw. gingen freiwillig. Profitieren konnten von diesem Wissensschub viele Länder, darunter die USA, die UdSSR, Frankreich, Großbritannien, aber auch Staaten der Dritten Welt wie Indien, Argentinien und Ägypten.



 

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Wernher von Braun

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"Bei der Eroberung des Weltraums sind zwei Probleme zu lösen: die Schwerkraft und der Papierkrieg. Mit der Schwerkraft wären wir fertig geworden. " (Wernher von Braun)

Fast alle Erfindungen der Deutschen auf dem Gebiet der Raketen- und Antriebstechnik wurden von den Alliierten zunächst kopiert und danach weiterentwickelt. Besonders die neuen Supermächte konnten das Raketen-Know-how ausbeuten, das mit der »Operation Overcast« und dem »Project Paperclip« in die USA und mit der Operation »Ossavakim« in die UdSSR geschafft wurde. Inklusive war die Befreiung der Wissenschaftler von der Kriegsschuld, obwohl einige der SS angehört hatten.

 

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Wernher von Braun vor den F1-Triebwerken der Saturn-Rakete.
Photo by NASA
 

Während auf der Seite der USA ein Team unter Leitung Wernher von Brauns darum bemüht war, aus den Resten der V2 neue Raketentypen zu entwickeln, arbeitete in der Sowjetunion bis 1953 eine Gruppe um Herrmann Gröttrup ebenfalls an der Ausschlachtung der V2, die jedoch von sowjetischer Seite als „unvollkommen und technisch nicht ausgereift “ angesehen wurde (Stache (1987)). Mit der SS-6, die das von der A10 stammende und von Koroljow weiterentwickelte Prinzip der Triebwerksbündelung benutzte, gelang es der Sowjetunion am 4. Oktober 1957 mit knappem Vorsprung vor den USA, einen Satelliten in den Weltraum zu bringen. Durch den Sputnik-Schock beflügelt und von der militärischen Last befreit, konnten von Braun und seine Mannschaft mit der Mondlandung von 1969 ihren Traum von 1929 verwirklichen, der auf »Umwegen« ungezählte Opfer gefordert und das Wettrüsten der Supermächte angeheizt hatte. Damit war zugleich das Ende der deutschen Raketenbauer in den USA gekommen. Nicht beendet war jedoch die Perfektionierung der Raketentechnik, die mit den land- und seegestützten atomaren Interkontinentalraketen ihren Gipfelpunkt erreicht hat. Unterhalb der nuklearen Schwelle begannen die Großmächte, an erster Stelle die Sowjetunion, damit, ihre jeweiligen Verbündeten mit Raketen zu versorgen.

 

Die beiden deutschen Staaten selbst waren unmittelbar nach dem Krieg durch den Abzug von Personen und Anlagen raketentechnisch ein Entwicklungsland. Die Bestimmungen des Alliierten Kontrollrates untersagten bis 1955 die Herstellung von Luft- und Raumfahrtgeräten. Auch nach 1955 war die Bundesrepublik durch die Westeuropäische Union (WEU) verpflichtet, keine Raketen über 32 km Reichweite ohne Genehmigung des WEU-Rates herzustellen. Für das geschwächte deutsche Nationalgefühl kamen der Sputnik-Start und die Berichte über den deutschen Beitrag gerade recht. So meldete die Bild-Zeitung am 7. Oktober 1957 auf der Titelseite fast triumphierend: „Deutsche Raketen starteten künstlichen Mond. “ Und weiter: „Die Konstruktion dieser Rakete verdankt Moskau deutschen Raketenspezialisten, die nach dem Krieg in sowjetische Hände fielen.“ Gemeint war die Gröttrup-Mannschaft.

 

 

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Vom Bomber zum Raumgleiter

 

Einige der Raketenforscher waren zu diesem Zeitpunkt bereits heimgekehrt und konnten ihr frisch erworbenes praktisches Wissen für ihre alte Heimat nutzen. Das Ehepaar Sänger übernahm 1954 die wissenschaftliche Führung des Forschungsinstituts für Physik der Strahlantriebe (FPS) in Stuttgart, das von der Bundesregierung, der Landesregierung und verschiedenen Firmen gegründet wurde. In Fortsetzung seines 1944 entworfenen Raumgleiters entwickelte Sänger als Berater bei der Flugzeugfirma Junkers bis zu seinem Tod 1964 einen luftatmenden Hyperschall-Raumtransporter. Nach dem Beschluß von 1960, keine eigenen Trägersysteme zu entwickeln, beteiligte sich die Bundesrepublik im Rahmen der 1964 gegründeten European Launcher Organization (ELDO) am Projekt der Trägerrakete EUROPA-I, die aus der britischen BLUE STREAK als Erststufe, der französischen CORALIE als Zweitstufe und der bundesdeutschen dritten Stufe ASTRIS bestand. Die in Zusammenarbeit der Firmen MBB und ERNO von 200 Wissenschaftlern und Ingenieuren entwickelte ASTRIS wurde auf Prüfständen in Trauen und Lampoldshausen getestet. Nach mehreren Fehlstarts von einem Startplatz in Australien in den Jahren 1967 – 1971 wurde das Projekt der EUROPA-Rakete abgebrochen. Im Rahmen der 1975 gegründeten European Space Agency (ESA) konnte die Bundesrepublik die ARIANE-Rakete mitentwickeln und das SÄNGER-Konzept wiederbeleben, das heute als Alternative zum britischen HOTOL steht.

 

Die technischen und organisatorischen Voraussetzungen für eine hochentwickelte Raketennation sind in der Bundesrepublik mittlerweile gegeben, insbesondere durch die DLR (Deutsche Forschungsanstalt für Luft- und Raumfahrt, früher DFVLR), die DARA (Deutsche Agentur für Raumfahrtangelegenheiten) und die DASA (Deutsche Aerospace). Praktisch in allen Bereichen der Raketentechnik liegen deutsche Firmen und Forschungseinrichtungen mit an der Weltspitze, vom Antrieb über Lenkung und Eintrittstechnologie bis zu Test und Produktion.

 





Ariane 42 GP
mit TOPEX/Poseidon Satellit Kourou, 10. August 1992
Photo by NASA

Die militärische Raketenentwicklung mußte in der Bundesrepublik nach dem Krieg noch zurückhaltend geschehen. Zentrum der Entwicklung war das Stuttgarter FPS, das der Entwicklung und Erprobung von Raketen und Flugkörpern diente und u.a. über das BMVg (ab 1956), die US-Air Force und die französische Regierung gefördert wurde. Trotz der Rüstungsbeschränkungen bis 1955 produzierte Bölkow die Panzerabwehrrakete COBRA, die 1956 getestet wurde. 1957 begannen die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Raketentechnik (Bremen) und die Deutsche Gesellschaft für Raketentechnik und Raumfahrt (DGRR) mit Raketenversuchen im Wattenmeer bei Cuxhaven. Nach Protesten durch die Sowjetunion wurden die Versuche eingestellt.

 

Auf dem Umweg über Auslandsentwicklungen konnte die Bundesrepublik dennoch die notwendigen praktischen Erfahrungen sammeln. Sänger und weitere Mitarbeiter des FPS begannen, in Ägypten Raketen zu entwickeln (siehe den entsprechenden Abschnitt). Die Ergebnisse kamen dem Bundesverteidigungsministerium ebenso zugute wie bei der von Bölkow Mitte der sechziger Jahre gebauten Raketenbasis in Südafrika, auf der die von Frankreich mitentwickelten Flugabwehrraketen CROTALE getestet wurden.

 

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Dossier Nr. 8 der Informationsstelle für Wissenschaft und Frieden von Dr. Jürgen Scheffran. 

>Dr. Jürgen Scheffran, Physiker, arbeitet in der interdisziplinären Arbeitsgruppe Naturwissenschaft, Technik und Sicherheitspolitik (IANUS) zu Raketenproliferation und Risiken der Rüstungstechnik.

 

Den ganzen Text gibt es hier :

http://www.uni-muenster.de/PeaCon/wuf/wf-91/9111201m.htm

 

 
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